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Von Weltschmerz zu Weltchirurgie

Ein Dutzend Menschen, ein Algorithmus und eine konstruktive Diskussion über Dada und Gaga. Das Künstlergespräch mit Kommunikationsdesigner Marek Vosswinkel zeigte einmal mehr: Das MCS.1 zu verpassen, ist doof.

Zugegeben, eigentlich hätten wir den Titel der Veranstaltung kurzfristig umbenennen müssen. Denn nicht nur dem Kunstbegriff steht Marek Vosswinkel mit freundlichem Achselzucken gegenüber, auch als Künstler sieht sich der Kommunikationsdesigner so gar nicht. Vielmehr hätten wir also zum „Herausgebergespräch“ oder zum „Gespräch mit einem, der einfach so irgendwann mal darauf kam, klassische Gedichte oder Texte von Pop-Songs durch den Übersetzungsdienst Google zu schicken und entzückt zusah, was mit diesen Texten passierte, übersetzte man sie schließlich nach linguistischen Ausflügen ins Portugiesische, Japanische oder Isländische zurück ins Deutsche“ laden sollen. Aber welchen Sinn hätte das gehabt?

Sinn oder Nicht-Sinn? Es ist die Frage des Abends. Eine, die sich aufdrängt, findet man sich plötzlich inmitten von Zeilen digitaler Poesie vor, eigentümlich berührt von Worten, die den Zufallsverdrahtungen und undurchsichtigen Manipulationen einer künstl(er)i(s)chen Intelligenz entsprungen sind. Eine, die viele neue Fragen provoziert, spricht man mit einem, der auszog, es mit dem Algorithmus aufzunehmen, einer der Goethe mit Google Translate bekannt machte, einer der Sätze sagt wie „Wenn Google zu gut übersetzte, ließ ich Japanisch ran“.

Das alles mag wirklich keine Kunst sein. Es kann ohne Frage für wunderlich gehalten werden. Nur banal ist es nicht, offenbart Marek Vosswinkels Experiment doch: Auch wer verstanden hat, wo Sätze wie „Iss ein Lächeln“ oder „Ich will kein Eis jetzt in meinem Auto“ herkommen, wer akzeptiert, dass sie keinen Urheber im eigentlichen Sinne haben, dass sie also ohne Autor und damit ohne Intention sind, wird ihnen trotzdem eine Bedeutung beimessen. Er wird sehenden Auges in Poesie versinken. Er wird die Worte für sich drehen und wenden. Wird nach deren wahrer Absicht graben, und er wird für sich eine Antwort finden.

„Neue Weltchirurgie“ – der Titel von Marek Vosswinkels Projekt – ist ein solches Beispiel. Ein digitaler Neologismus, geboren aus Einsen und Nullen. Ein Begriff, den Google selbst nicht kannte, als Marek Vosswinkel ihn in die Suchmaschine tippte, um abzuprüfen, ob es ihn gibt. Etwas bislang nicht Existentes, das entsteht, wenn sich menschliche Experimentierfreude mit digitalen Tools anlegt, und etwas, das in jedem von uns trotzdem Assoziationen auslöst. Greifbare Bilder. Reales. Sinn.

Doch wo liegt der Unterschied? Ist nicht auch das von Menschenhirnen Ersonnene oftmals ein Zufallsprodukt, ein Bedeutungskonstrukt, ja, auch absurd und unwahr? Ist das zu Begreifende nicht immer versteckt hinter einem Wirrwarr aus Übersetzungsfehlern? Liegt Sinn nicht immer in den Synapsen des Betrachters, egal wer ihn stiftet? Und müssen wir wirklich immer alles überprüfen oder kultivieren wir nicht auch gerne unsere Freude am Nicht-Sinn. Immerhin darf die Unsinns-Poesie hierzulande als eigene literarische Gattung gelten.

„Mit Sprache an sich bin ich aber noch nicht fertig.“

– Marek Vosswinkel

Warum also nicht Literatur 4.0? Die „Neue Weltchirurgie“ als neuer Weltschmerz? So romantisch wird es dann doch nicht. Mit dem Projekt habe er abgeschlossen, verkündet Marek Vosswinkel an diesem Abend. „Mit Sprache an sich bin ich aber noch nicht fertig.“ Warum auch. Macht sie doch so viel Spaß.
Nein, wir können nicht alles verstehen. Das müssen wir vermutlich auch nicht. „Gedichte verstehen sich selbst nicht“, zitierte Ralf Birke – an diesem MCS.1-Abend einmal mehr als Kurator, Moderator und Gastgeber im Einsatz – ganz arglos analog aus einem Buch von Konstantin Wecker. Sie brauchen halt einen, der sich mit ihnen beschäftigt, sie mit seinem Leben verdrahtet, mit ihnen spielt.
Und genau dieses Spiel mit Sprache, das Hin- und Her-Wälzen von Bedeutungen, das Für und Wider in langen Diskussionen am Lagerfeuer ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Und so blieb uns am Ende dieses Abends auch in Ermangelung eines Feuers, über dem wir sicher noch stundenlang weitersinniert hätten, diese versöhnliche Erkenntnis: Der Mensch ist ein hoffnungslos poetisches Wesen. Lieber Algorithmus, es könnte wirklich schlimmer sein.

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