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Nur noch drei Monate bis Ostern

Normalerweise sind in den Tagen vor dem Fest die Medien voll von den kleinen Abgründen unseres Daseins. Wer nach „Streit vor Weihnachten“ sucht, erhält beim großen Google 1,8 Millionen Angebote. Kurz mal reingeklickt und überflogen lässt sich sagen: in jeder zweiten Familie hängt der Haussegen in der „staden Zeit“ schon mal schief.
Aufgeklärte Geister beteiligen sich an der Diskussion durch fundierte psychosoziale Aufarbeitung. Die vier Wochen vor Weihnachten sind normalerweise alles andere als still. Endjahres-Rallye am Arbeitsplatz, Wettrennen in den Fußgängerzonen. Ohne Pandemie säßen bei Illner & Co Pastoren neben Stressberatern neben Einzelhändlern und würden den üblichen Streit führen. Ergebnislos, logisch. Denn am zweiten Weihnachtsfeiertag ist wieder alles vorbei. Schnell los und Böller kaufen.
Die Wirklichkeit hat diesen Text kurz vor seiner Veröffentlichung einmal mehr eingeholt. Shutdown. Eine Woche vor dem Heiligen Abend. Nur noch das Internet hat geöffnet. DHL gehen die Rentiere aus. Wo war ich doch gleich?
Ach ja, warum streiten wir eigentlich vor allem an Weihnachten und nicht an Ostern? Oder Pfingsten?
Unter dem Eindruck der Bedrohung dieses trügerischen Friedens überschlagen sich Politiker*innen, uns das kuschelige, heimelige Weihnachtsfest zu „retten“. Seit November beschwört man eine Friedenszone rund um den Baum. Wer die bedroht, der sollte sich ganz warm anziehen. (Gehört, Pandemist!?)
Und dann erfüllt sich plötzlich der Wunsch nach der staden Zeit. Zuhause bleiben, wann immer es möglich ist, soziale Kontakte begrenzen. Kein Sodbrennen am Glühweinstand. Und ja: auch keine Weihnachtsfeiern mit Kolleg*innen und Freunden. Die Begegnung mit den Menschen fehlt uns wirklich. Denn liebe und gerne auch lustige Menschen zu treffen, das sind dann doch eher Lichtblicke im Weihnachtswust vor dem Heiligen Abend.
Es fällt schwer, dieser Zeit etwas Gutes abzugewinnen. Corona bringt so viel Leid über die Menschen. Wir begründen die „Generation AHAL“, die aus der Zukunft betrachtet auf jedem Bild sofort zu identifizieren sein wird. Ja, wir, das sind die mit der Maske.

Eigentlich fällt es ganz leicht, dieser Zeit etwas Gutes abzutrotzen. Vielleicht sind wir sogar dazu verpflichtet. Aus Solidarität zu all jenen, denen die Pandemie Krankheit, Existenzsorgen und Zukunftsängste beschert. Je mehr wir uns selbst wieder auf das Wesentliche besinnen – und nicht das Unerfüllbare beklagen – desto eher können wir für die Menschen da sein, denen es nicht so gut geht. Wer will luxusjammernd wirklich empathisch für jemanden da sein, dem es mies geht? Da ist es schon besser, wir sind dankbar für jede ruhige Minute zum Jahresende. Und wir sollten die eine oder andere davon nutzen, uns zu überlegen, wem und wie wir jemandem helfen könnten.

Da war doch was?
Genau, der Sinn des Weihnachtsfestes.
Freude, Zeit und Mitgefühl, Schenken und Beschenktwerden.
Wem die religiöse Bedeutung der Weihnacht abhanden gekommen ist, der sollte immerhin dessen spirituelle Kraft nutzen. An die erinnert uns der Pandemist, ja er*s wirft uns mit Wucht darauf zurück. Halten wir das aus? Brauchen wir wirklich strenge und immer strengere „Regeln“, um die Zeichen der Zeit richtig zu deuten? Was passiert mit uns, wenn wir an einem Adventssonntag auf dem Sofa sitzen und das innere Vibrieren spüren? Und wie lange dauert es, bis es von allein aufhört, ganz ohne glühweinerliche Unterstützung? (Na gut, mit ein bisschen vielleicht)

Wir sind privilegiert, wenn wir das erleben dürfen und aushalten müssen. Vielleicht rufen wir jemanden aus der Familie oder Freunde an, die damit so gar nicht rechnen? Es ist die Alternative zu den Zufallstreffen auf dem Weihnachtsmarkt. Die freilich auch zu unserem Jahreslauf gehören und hoffentlich im nächsten Jahr wieder stattfinden werden.

Wem das alles zu gefühlig ist, der bestellt sich ´ne Pizza, misslaunt sich ob der Dauer der Lieferung und schaut IllnerMaischbergerWillLanz. Sooo geht Realität.

Der Zwischenzeit sind wir nicht ausgeliefert. Wir haben alle Optionen. Von Schein wahren bis selbstbestimmt handeln. Uns stehen alle Zwischentöne zur Verfügung. Vor allem steht es uns frei, mal etwas Neues zu wagen. Die Weihnachtsgeschichte erzählen auf einem ausgiebigen Spaziergang, Bescherung via Skype (inkl. dem Einspielen von einigen hundert dieser wahnsinnig lustigen WhatsApp-Videos, die nach dem zweiten Glühwein wirklich lustig werden). Vor allem aber könnten wir uns Blaise Pascal zu Herzen nehmen, der inmitten der Gräuel des Dreißigjährigen Kriegs den Satz prägte: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Übrigens schrieb er diesen Satz vermutlich in Paris, fernab vom Kriegsgebrüll. Heute anerkennt man, dass der Naturwissenschaftler Herz und Verstand innig zu verbinden wusste und seine Ansichten in einer tiefen christlichen Ethik gründeten. Stellen wir seinen klugen Satz auf die Füße: Was für ein Glück des Menschen, da er ruhig in einem Zimmer bleiben muss.

Ja, solche Gedanken kommen mir, wenn ich nicht auf dem Weihnachtsmarkt die Wampe pflege, sondern mir im Homeoffice über den Bart streiche, den ich mir seit vier Wochen aus Solidarität mit dem Weihnachtsmann wachsen lasse. Vielleicht ein bisschen pathetisch, vielleicht auch nicht sachlich genug. Vielleicht sogar ein bisschen überheblich, denn unsere Branche ist von Lockdowns und globalen Lieferketten nicht so arg betroffen, wie viele andere. Aber auch wir stellen Sinnfragen und visionieren im Nirgendwo der Prognosen.

Was soll’s, es ist Weihnachten. Darauf freut sich bestimmt auch die 3-jährige Luisa Sophie, die uns im Frühjahr bei einem Dreh den schönen Satz in die Kamera strahlte: „Und dann ist Corona vorbei.“
Im Januar beginnen wohl auch bei uns die Impfungen.
Freuen wir uns also auf Frohe Ostern, das Fest der Wiederauferstehung. Laut Google wird da auch kaum gestritten.

Bis dahin wünsche ich allen unseren Freund*innen, Kund*innen und nicht zuletzt dem ganzen Team von Herzen eine gesegnete Weihnacht. Und ein denkwürdiges Jahr 2021 der wieder zu gewinnenden Freiheit. In unseren Köpfen und in unseren Herzen. Ich wünsche uns, dass wir sie zu nutzen verstehen.

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